Nome in Not

Lasst euch mitnehmen mit unserer Zeitmaschine ins Jahr 1925. In einen sehr kalten Winter, im nördlichsten Teil Alaskas; nach Nome.....

Habt ihr alle Platz genommen und seit ihr angeschnallt? Spürt ihr schon den kalten, eisigen Wind, den Schnee, der erbarmungslos auf eure Gesichter fällt, ohne Unterbruch und euch schier den Atem raubt? Seht ihr schon unsere Helden auf vier Pfoten und ihre Musher? Spürt ihr den Geist der Schlittenhunde? Toll, dann kann es ja los gehen, viel Spass!

Nome


Die meisten Menschen finden das Gesicht eines freundlichen Hundes oder die Einzelheiten einer guten Hundegschichte unwiderstehlich. Die grossartigste Hundegeschichte aller Zeiten ist sicher die von den Hunden und Menschen, die 1925 nach Nome eilten, um Kinder vor der Diphtherie zu retten.

Huskies in Nome

Ja, diese Krankheit konnte einem schon auf dem falschen Fuss erwischen, denn anfänglich ähnelt sie anderen Rachenerkrankungen, insbesondere der gewöhnlichen Mandelentzündung. Bevor es das Antitoxin gab, forderte die Diphtherie einen wesentlich höheren Tribut an Menschenleben - sie war in den USA eine der häufigsten Todesursachen und bei Kleinkindern sogar die wichtigste überhaupt. 1735 kam es in den amerikanischen Kolonien zu einem Ausbruch, der dann fünf tödliche Jahre lang wütete. Der damalige Ausdruck "Rachenpest" kam nicht von ungefähr. Die Aerzte versuchten im Kampf gegen diese Krankheit viele Heilmittel aus, aber meist verlängerte es nur die Leiden oder löste den sofortigen Tod aus. Manche Aerzte spritzten Quecksilber, andere bestrichen die Schleimhäute mit Karbolsäure und ab 1820 probierten die Aerzte es sogar mit dem Luftröhrenschnitt. Dieser Eingriff war meist ebenso tödich wie die Krankheit selbst. 1891 entwickelte schliesslich der preussische Stabsarzt Emil von Behring ein Antitoxin zur Neutralisierung des Diphtherietoxins, und dieses Toxin fehlte, als am 20. Januar 1925 Dr. Welch ein Radio Signal aus Nome sendete, dass die Diphtherie ausgebrochen sei.

Es herrschte ein tiefer arktischer Winter. Heftige Schneestürme, Temperaturen weit unter Null und ständige Halbdunkelheit. Die damaligen technischen Eigenschaften der Flugzeuge machten einen Flug unmöglich. Die Stadt Nome war 7 Monate im Jahr von Eis umgeben und der nächste Bahnhof war über 1000 Km entfernt. Die Post wurde über die einzige Verbindung zwischen Nome und Anchorage transportiert, dem sog. Iditarod Trail.

Anchorage meldete, dass das Serum im örtlichen Krankhaus zur Verfügung stehen würde und es sei möglich, diese Pakete mit der Bahn bis Nenana zu transportieren, von dort aus sie dann über den Iditarod Trail nach  Nome gebracht werden müssten.

Eine Kette von Hundegespannen entlang des Iditarod Trails wurde organisiert. Am 27.1.1925 kam das Serum mit dem Zug in Nenana an und der Staffellauf nach Nome begann. "Wild Bill" Shannon machte sich als erster Muhser auf den Weg. Als er startete lag die Temparatur bei minus 30 °, als er in Tolovana ankam, gut 80 Km von Nenana entfernt, war sie bei minus 50 ° angekommen. Halb erfroren übergab er das Serum an Edgar Kolland. Das inzwischen gefrorene Serum wandere von einer eisigen Hand zur nächsten; Eskimo, Indianer und weisse Musher waren an diesem Wettrennen gegen den Tod beteiligt! 

 Eskimofrau

Shannon - Kolland - Dan Green - Johnny Folger - Sam Joseph - Titus Nikolai - Dave Corning - Harry Pitkar - Bill McCarty - Edgar Nollner  - Georg Nollner - Tommy Patsy - Jackscrew - Victor Anagick - Myles Gonangnan - Henry Ivanoff, ein russischer Eskimo, der das Serum in Shaktoolik übernommen hat, bekam grosse Probleme, da seine Hunde ein Rentier jagen wollten. Noch während er damit beschäftigt war, die Hunde zur Ruhe zu bringen und das Gespann zu sortieren, sah er Leonhard Seppala, den grösster Musher in der Gegend mit seinem Leithund Togo, einem der besten Schlittenhunde. Seppala fuhr 150 Km bis zum nächsten Uebergabepunkt. Als er in einen heftigen Sturm geriet, musste er sich entscheiden, eine Abkürzung über den zugefrorenen Norton Sound zu wagen, oder den sicheren Weg aussen herum zu befahren. Togo führte das Gespann geradewegs über das Eis an das rettende Ufer auf der anderen Seite und drei Stunden später brach das Eis ein.

Seppala mit Togo

Mitten im dichten Schneesturm wurde das Serum von Seppala an Charlie Olson und dann an Gunnar Kaasen weitergegeben. Sein Leithund Balto bewies seinen heldenhaften Mut im tobenden Schneesturm. Niemand hatte die Hoffnung, dass Kaasen es durch den Sturm schaffen würde. Als er an der letzten Uebergabestation, 33 Km vor Nome, ankam, fand er seine Ablösung schlafend vor. Die Zeit drängte, das Team lief gut und so kämpfte er sich mutig weiter. Noch vor Sonnenaufgang, am 2. Februar 1925, führte Balto Gunnar Kaasens Team nach Nome, die Stadt war gerettet!

Gunnar Kaasan mit Balto

Vollkommen erschöpft und halb erfroren wurden Kaasan, Balto und der Rest des Teams wie Helden gefeiert. Die 1085 Km lange Strecke wurde in 127,5 Stunden bei widerlichen Verhältnissen zurückgelegt, das gilt heute noch als Weltrekord!

"Serum nach letzter Etappe in Nome eingetroffen. Es ist eingefroren, aber vermutlich noch brauchbar" (The New York Times, 3.2.1925)

Togo mit Team

Gunnar  Kaasan mit Balto

Seppala mit Team


Gunnar Kaasan und seine Huskies

New Yorker Hundeliebhaber, die in den Zeitungen die aussergewöhnliche Heldentat der Hunde und ihrer Musher verfolgt hatten, gaben den Bau einer Bronce-Statue von Balto in Auftrag. Diese wurde im Dezember 1925, nicht weit von der Fifth Avenue, am Eingang zum Kinderzoo, aufgestellt. Die Gedenktafel auf dem Granitsockel widmet die Statue dem "unbezwinglichen Geist" der Schlittenhunde.

Seppala mit Togo

Seppala

Der Ruhm wärte leider nur kurze Zeit. Der Hollywood Produzent Sol Lessner brachte die Hunde nach Los Angeles und drehte dort einen 30 minütigen Film "Baltos Race to Nome".

Kaasan und sein Team tourten zwischen Sommer und Herbst 1925 durch die Vereinigten Staaten.

Balto und sein Team wurden später an einen unbekannten Vorstadtproduzenten verkauft und 2 Jahre später waren sie fast komplett vergessen. Ein Geschäftsmann aus Cleveland - Georg Kimble - endteckte in einem Billigmuseum die Hunde, die verwahrlost, krank und misshandelt waren. Er vereinbarte, die Hunde für eine Summe von 2000 USD zu kaufen (eine riesige Menge Geld in der damaligen Zeit), weil er sich gut an die berühmte Story von Balto erinnerte. In einer einmaligen Sammelaktion an der sich Schulkinder, Clubs, Hotels, Geschäfte, Fabrikarbeiter und viele mehr beteiligten, kam in kurzer Zeit die Kaufsumme und der Betrag für die Ueberfahrt zusammen.

Am 19.3.1927 wurde Balto und seine sechs Gefährten nach Cleveland gebacht, wo man ihnen einen heldenhafen Empfang bot. Danach wurden die Hunde in den Cleveland Zoo gebracht, um dort den Rest ihres Lebens in Würde zu verbringen.

Balto

Balto starb am 14. März 1933 im Alter von 11 Jahren. Die Leiche des Huskys wurde in das Cleveland Museum of Natural History gebracht, wo sie ausgestopft als Erinnerung gegen den Tod dient.  

Der Leithund von Seppala, Togo, war seit dem Serumtransport erheblich gealtert und seine Kraft lies deutlich nach. Seppala konnte ihn auf seinen Reisen nicht mehr mitnehmen. Togo brauchte Ruhe, er war teilweise erblindet und litt unter Gelenksschmerzen. Am 5. Dezember 1929 fand Seppala den Mut, Togo einschläfern zu lassen, er war damals 16 Jahre alt.

Und was geschah mit dem Arzt, Dr. Welch, in Nome? 1925 war sein letzter Winter in Nome, er haderte mit sich und gab sich teilweise die Schuld, dass er nicht vorgängig dafür gesorgt hätte, genügend Serum in Nome zu haben. Er verliess Nome noch im selben Jahr, kehrte aber regelmässig im Sommer zurück, um Ferienablösungen zu machen, damit der Arzt in Nome auch mal Ferien machen konnte. Welch litt unter Stimmungsschwankungen, die auf manische Depressionen oder Alkoholismus schliessen lassen. Im Sommer 1933 kehrte er zum letzten Mal nach Nome zurück. Am 14. Dezember 1948 starb Welch im Alter von 70 Jahren nach langer Krankheit. Der Totenschein nennt als Todesursache eine selbst verabreichte Ueberdosis Morphium.    

.........nun sind wir wieder in der Gegenwart gelandet! Schön, dass ihr bis hier durchgelesen habt. Sollte euch mal ein Husky begegnen, schaut ihm tief in die Augen und ihr werdet auch heute noch den unbezwinglichen Geist der Schlittenhunde sehen....